Interview

Von der Magie der Kommunikation

Jason Seizer und Marc Copland mit "Serendipity"

Kaum trauten sich die Zuhörerinnen im Neuburger Birdland nach den zahlreichen hochkarätigen Soli zum sonst üblichen Zwischenapplaus. Zu groß schien die Angst, die Intensität und Feinmaschigkeit des Interaktionsgeflechts auf der Bühne zu stören. Mit dem NewYorker Pianisten Marc Copland, dem Münchener Saxophonisten Jason Seizer und ihrer Rhythmuscrew Henning Sieverts, Bass, sowie Jochen Rückert, Schlagzeug, haben sich vier Gleichgesinnte gefunden, denen die Verständigung musikalischer Essenz in fast traumwandlerisch sicherem Miteinander gelingt.

Die Kooperation zwischen Marc Copland und Jason Seizer währt nun schon zwei Jahre, ist auf zwei CDs bei dem neuen Münchener Label "Pirouet" dokumentiert. Beide, Copland wie Seizer, sind eher stille Zeitgenossen, die zuhören wollen und zuhören können, beiden ist die Ernsthaftigkeit der Musik erstes und zuinnerstes Anliegen. Der Münchener Saxophonist Jason Seizer, der eine ausgiebige klassische Musikerziehung an der Querflöte genossen hat, ist seit eineinhalb Jahrzehnten eine zentrale Figur der vitalen Jazzszene der bayerischen Landeshauptstadt. Intiziert durch John Coltranes Balladen verlegte er sich Mitte der 8Oer auf das Tenorsaxophon, machte konsequent und inklusive eines Studiums in Hilversum den Jazz zum Lebensinhalt. Von Beginn an war ihm die eigene Musik wichtiger als der schnelle Erfolg. Seizer gilt als "Freigeist, ein sperriger Eigenbrötler, der höchste Ansprüche an sich selbst stellt" (H.J. Schaal). Von 2OOO bis 2OO1 habe er gleichwohl mit Erfolg die Verantwortung für das Programm des Münchener Jazzclubs Unterfahrt, wo auch der Kontakt zu Marc Copland zu Stande kam. Vor einem Jahr gründete Seizer gemeinsam mit dem Geschäftsmann Ralph Bürklin das Label Pirouet, das mit inzwischen sieben absolut beachtenswerten Produktionen auf den Markt gekommen ist. Die kompromisslose musikalische Aufrichtigkeit des vielbegabten Jason Seizer ist auf diversen CDs nachzuhören, u.a. gemeinsam mit Walter Lang, Peter Bernstein, Larry Goldings und Bill Stewart. Mit "Serendipity" legt er die fünfte Scheibe unter eigenem Namen vor.

Der 1948 geborene Marc Copland, der im bereits etablierten Erwachsenenalter eine erfolgreiche Saxophonlaufbahn abbrach und mit beharrlichem Willen zum Piano wechselte, konnte sich seit Mitte der 8Oer auf diesem Instrument rasch etablieren. Sein Trio mit Gary Peacock und Billy Hart brachte ihm hohe Beachtung ein. Copland formierte ein All-Star Quintett mit Randy Brecker, Bob Berg, James Genus und Dennis Chambers, später ein Quartett mit John Abercrombie, Drew Gress und Billy Hart. Die 1998 erschienene CD "Softly ..." sieht ihn an der Seite von Michael Brecker, Joe Lovano, Tim Hagans, Gary Peacock und Bill Stewart. Das Trio Copland/Abercrombie/Whoeler zelebrierte 20O1 auf "That's For Sure" die Kraft der offenen Kommunikation. "Haunted Heart & other Ballads" zeigte Copland gemeinsam mit Drew Gress und Jochen Rückert als begnadeten Balladenspieler im klassischen Pianotrioformat, "Poetic Motion" als Solopianisten dem die Kritik höchstes Lob zollte, und die jüngst erschienene Scheibe "What It Says" in einfühlsamen Duetten mit Gary Peacock.

Für das gemeinsame Projekt trugen Marc Copland und Jason Seizer der New Yorker Pianist und der Saxophonspieier aus der Weltstadt mit Herz, zu gleichen Teilen Kompositionen bei, auf deren Basis sich eine kammer-musikalische Sternstunde ereignet, aufmerksam, in idealer Balance von Präsenz und Zurückhaltung, einander tragend und inspirierend und von ebenso frappanter Folgerichtigkeit wie die berühmte Endlostreppe von M.C. Escher, die im Karree immer nur aufwärts führt. Die Chemie stimmt einfach, macht aus vier Musikern eine Band, aus dem Konzert wie aus der CD ein entrückendes Ereignis unglaublich dichter musikalischer Kommunikation. Jason Seizers Ton ist von schlanker wie sanfter Entschiedenheit, seine Linien sind klar, überlegt und von sonorer Reife. Marc Coplands Piano schwebt in erhabener Reinheit zwischen spätromantischer und impressionistischer Ausdruckskraft, fächert jedes Stück von der Mitte her auf in feinsten Facetten, deren noch so kleine Details bewusst gestaltet sind. Henning Sieverts spielt weit mehr als nur den Stabilisator im Hintergrund, sein Bass bereichert den Fluss des Geschehens um etliche nuancierte Töne aus der Tiefe des Raumes, während Jochen Rückerts filigran austariertes Drumming stets aufmerksam ausbalancierte rhythmische und melodische Brücken baut. Die Bandbreite der Metamorphosen des außergewöhnlich hellhörigen Quartetts reicht vom Bebop-orientierten "Whirlwind" zur cool reflektierten "Sweet sorrow", von "Skippin' around" zur, 'Serendipity" - letztere meint die wache Aufmerksamkeit, die offen ist für die Entdeckungen des märchenhaft Unenwarteten. Ganz zum Schluss: "Kuanda", eine Nocturne, zart wie chinesisches Porzellan und von der beseelten Schönheit eines Wiegenlieds.

Am Nachmittag vor dem Neuburger Konzert sprach Tobias Böcker mit Jason Seizer und Marc Copland.

Da gibt es ja diese nette Geschichte, wie ihr euch musikallsch kennen gelernt habt.

Jason: Ich habe Marc vor 14 Jahren das erste Mal auf Bill Stewart's Erstling "Think Before You Think" gehört und seine Art zu spielen ließ mich sofort aufhorchen. Während der Zeit, in der ich für das Programm der Unterfahrt verantwortlich war, haben wir uns dann persönlich kennen gelernt. Irgendwann habe ich ihm eine oder zwei CDs von mir gegeben. Wir haben telefoniert, er mochte die Musik und so ergab sich 2002 für eine Woche die Möglichkeit der Zusammenarbeit, wie sie auf unserer ersten gemeinsamen CD "Fair Way" dokumentiert ist. Das war unser erstes gemeinsames Quartett' damals mit Rick Hollander am Schlagzeug und Nicolas Thys am Bass. Voriges Jahr haben wir wieder eine Woche in der Unterfahrt gespielt' diesmal mit Henning Sieverts am Bass und Jochen Rückert am Schlagzeug. Das Resultat ist "Serendipity". Jetzt sind wir gemeinsam auf Tour und präsentieren die Musik.

Marc: Ich bekomme ja immer wieder CDs: Hör dir das mal an oder dies oder jenes. Ich hab den Player eingeschaltet und bei einem Stück habe ich dann unterbrochen, womit ich gerade beschäftigt war. Ich war wirklich berührt von der Reife, von dem Ton, von der Ernsthaftigkeit und Seriösität dessen, was ich da hörte. Als wir die Aufnahmen für "Serendipity" gemacht haben, ist etwas wirklich Bemerkenswertes passiert. Wir haben vorher eine Woche in der Unterfahrt gespielt, Dienstag bis Samstag. Passiert ist es Donnerstagabend. Ich habe das durchaus schon zuweilen erlebt, aber nur mit wirklich guten Bands, dass so eine chemische Reaktion entsteht. Die Musik machte sich einfach selbständig; in gewisser Weise saß ich da, beobachtete das Ganze und hatte fast das Gefühl: Das sind gar nicht wir. Ein wirklich ungewöhnliches Gefühl! Wenn das passiert, dann hast du drei bzw. in diesem Fall vier Leute, die wirklich kommunizieren, die wirklich zuhören. Keine Egos, jedem liegt daran, immer noch bessere Musik zu machen. Die Energie dieser vier Leute ist mehr als vier, sie wird zu fünf-, sechs-, siebenfacher Energie. Wir hatten dieses Gefühl, die Leute haben es gespürt. Freitagabend war es noch besser, Samstagabend war es noch besser. Wenn so etwas passiert, das ist wie ein Zauber. Da will man dranbleiben.

Beide CDs bestehen fast ausschließlich aus Originals.

Jason: Wir haben einfach vereinbart, dass Marc einige Stücke mitbringen sollte, der Rest sind meine Kompositionen. Wir hatten genügend Material, und die Mischung gefällt mir sehr gut. Einen Standard auf "Fair Way" haben wir spontan als Duo gespielt. Rick Hollander hatte ein wichtiges Telefongespräch und so haben wir "In a sentimental mood" eingespielt, einfach so, ohne zweiten Take oder irgendwas. Das hat gut geklappt. Auf "Serendipity" sind keine Standards, nur Stücke von Marc und mir sowie eines von Henning Sieverts, das wirklich gut dazupasst. Es ist auch gar nicht so wichtig was wir spielen. Die Chemie ist entscheidend. Wenn die Chemie stimmt ist es nicht wirklich ausschlaggebend, was du spielst. Andererseits spielen wir natürlich sehr gerne unsere eigene Musik.

Ihr klingt nicht wie ein Trio mit einem Solisten, ihr klingt wirklich wie ein Quartett.

Marc: Ja, ich denke tatsächlich, das ist ein 4tet, eine wirkliche Band. Je besser wir uns kennen lernen - Jochen kenne ich ja schon sehr lange und sehr gut - desto mehr passiert. Das ist wie ein gutes Basketballteam oder so, wie ich mir eine gute Footballmannschaft vorstelle. Jeder spielt uneigennützig. Der Eine sagt: "okay, du bist heiß, du bist für eine Weile dran." Irgendwann sagt der dann: "okay, ich hab genug, übernimm du." Jeder kann andere Ideen beitragen. Nimm mein Stück"Whirlwind": Ich hatte nicht den Hauch einer Vorstellung, wie es anfangen könnte. Das Ende vom Lied war, dass Henning und Jochen einfach wie die Feuerwehr loslegten. Das hat prima funktioniert. Henning hat Sachen gespielt, von denen ich gar nicht wusste, dass er das kann. Sehr gut kann er das! Es ist einfach eine gute Zeit für uns. Die Chemie stimmt, wir mögen uns, entdecken alles Mögliche voneinander. Das macht wirklich viel Spaß.

Jason, eine deiner Kompositionen heißt"Wiegenlied"

Jason: Wenn man Kinder hat, schreibt man einfach mal ein Wiegenlied. Das ist einfach ein Schlaflied, nichts besonders. obwohl auf ',Fair Way" erschienen, spielen wir es immer noch gerne im jetzigen Programm, es hat eine einfache Struktur und bietet dabei sehr viel Freiheit. Die Stücke auf der aktuellen CD sind ziemlich frisch, da ist nichts, was ewig im Kasten lag. Sie sind alle im Hinblick auf dieses Projekt geschrieben worden.

Dein Saxophon klingt anders; ich habe es härter und mit mehr Attacke in Erinnerung. Es klingt reifer, gelassener, weicher.

Jason: Man versucht immer wieder mal, etwas zu verändern. Es freut mich, wenn es dir gefällt. Der Sound hängt natürlich auch mit der Musik im Ganzen zusammen, auch mit dem gesamten Klangbild der Band. Ich stehe durchaus auf einen weichen Saxophonsound, nicht schnulzig, aber weich und warm. Er kann aber auch mal hart und laut sein. Für mich ist es sehr wichtig, den Klang des Saxophons und die Möglichkeiten die darin liegen - doch so nah an der menschlichen Stimme - nicht aus den Augen zu verlieren. Es gibt so unheimlich viele Facetten an Klängen und Sounds, denen man sich mit Begriffen wie "weicher oder harter Sound" nur ungenügend nähern kann.

Marc, dein Spiel macht auf mich einen sehr introspektiven Eindruck, sehr nachdenklich und sehr bewusst.

Marc: Für mich bedeutet Spielen abwarten. Abwarten und den Raum erspüren. Manches davon mag sich im eigenen Inneren verbergen, aber ich denke, es geht auch um den Raum zwischen den Musikern, den Bandmitgliedern, übrigens auch um den Raum zwischen der Band und dem Publikum. Wenn du auf diesen Raum hörst - das ist nicht jeden Abend dasselbe, selbst, wenn es im selben Club ist - dann kannst du aus dem Augenblick heraus Ideen hören. Das ist das Geheimnis der Improvisation. Dann spielst du wirklich aus dem Moment heraus. Wir üben, wir arbeiten an ganz bestimmten Wegen, aber wenn du wirklich abwarten kannst, dann kannst du den Moment kommen hören, in dem etwas Neues geschieht. Das ist wie ein gutes Gespräch. Jason und ich hätten auch mit einem Skript hierher kommen können, einem Stichwortzettel oder sogar einem genauen Drehbuch. Wir haben nichts davon. Wir reden hier einfach miteinander. So ähnlich ist das.

Auf dem Cover von "Fair Way" steht dieses wunderbare Gedicht "How it is to be a jazz musician and not to live in New York" Marc, du lebst ja in New York.

Marc: Das Gedicht ist von mir. Ich habe es über Jason geschrieben. Seit ich so um die zwanzig war, bin ich immer wieder verblüfft, wie viele gute Musiker es gibt, fast überall; wenn ich irgendwann Zeit habe - das ist in den letzten Jahren leider immer weniger der Fall -, aber wenn ich auf Tour zwei, drei, vier Tage am gleichen Ort habe, dann höre ich mir gern andere Musiker an. Seit den frühen 70ern bis heute bin ich immer wieder überrascht, wie gut manche von denen spielen. Wer davon raus kommt? Manchmal liegt es daran, wie du spielst. Aber manchmal liegt es auch daran, wo du bist und wo die Plattenfirmen sind. Ich habe auch einige Zeit außerhalb von New York gelebt. Ich weiß, wie das ist. Ich habe Kenny Wheeler kennengelernt, als er außerhalb Großbritanniens praktisch unbekannt war. Ich habe mir damals gedacht: Das ist doch unglaublich. Der Bursche spielt so gut, er schreibt so gut, Stücke und Arrangements. Niemand kannte ihn außerhalb Großbritanniens. Das hat sich inzwischen geändert. Mir ist es schon immer unheimlich schwer gefallen, meine Freude zu verbergen, wenn ich gute anregende Musik höre, wo auch immer. Wenn ich also in München bin und gute Musik höre, dann sage ich: Hey, das ist toll. In einer idealen Welt hätte jedes Land die gleichen Auftrittsmöglichkeiten, jede Plattenfirmadie gleichen umfassenden Vertriebsmöglichkeiten und alle Menschen könnten alle Musik hören, die sie mögen.

Was hältst du von so einer Vision, Jason?

Jason: Ich bin nicht der Typ, der Sachen erzwingen möchte, der rausgeht und den Leuten erzählt, was er gerade tut oder nicht tut. Ich lebe mein Leben, tu mein Bestes. Ich bin glücklich, dass wir jetzt in dieser Formation zusammenspielen und dass das alles gut klappt.

Marc: Das wollte ich noch sagen. Wenn ich jemanden kennen lerne, mit dem ich spielen möchte, auch wenn er nicht in New York lebt, auch wenn er nicht die Vorteile genießen kann, die es hat, dort zu leben, wie auch immer: Ich bin immer sehr angetan von Leuten wie Jason, die sehr gut spielen, aber dabei nicht aufdringlich sind. Für mich ist das sehr reizvoll. Wenn jemand auf sein Können vertraut, braucht er nicht durch die Gegend zu laufen und rumzuerzählen, wie toll er ist. Und es gibt einen ganzen Haufen Leute, die rumlaufen und erzählen, wie toll sie sind, viel zu viele. Ich mag Leute, die nicht so viel über sich selbst reden, aber wirklich spielen können.

Du bist ein ähnlicher Typ.

Marc: Kann sein, dass wir uns deshalb so gut verstehen.

Jason, du lebst in München, einer guten, aber doch recht geschlossenen Szene...

Jason: Ich habe wirklich viel in der Münchener Szene gearbeitet. Für mich war es aber immer sehr wichtig, mein eigenes Ding zu machen. Als ich angefangen habe zu spielen, lag mir von Anfang viel daran, meine eigene Band zu haben. Die war total chaotisch, aber es war meine eigene Band. Es war damals noch nicht meine eigene Musik, aber es war mein Ding, meine Band. In Deutschland hast du Arbeitsbedingungen als Musiker, in denen du auch viel Kommerzielles machst. Das passt nicht zu mir, da fühle ich mich nicht wohl, ich habe das immer wieder versucht, aber es liegt mir einfach nicht, entspricht nicht meinem Naturell, ich bekomme Depressionen. Da arbeite ich lieber in einem Plattenladen oder beschäftige mich anderweitig. Das ist auch sehr interessant, ich empfand diese "Ausflüge" in andere Gefilde immer als bereichernd, vor allem in der Retrospektive. In der Zeit, als ich für das Programm in Münchens Jazzclub Unterfahrt verantwortlich war - 2OOO und 2OO1 - bin ich dann nahezu nicht mehr aufgetreten. Da wird es automatisch ziemlich ruhig, du stehst in keiner Zeitung. Aber für mich selbst war das keine schlechte Erfahrung. Da entstehen Räume, in denen etwas wachsen kann.

Marc: So wichtig es ist, dass du weißt, was du spielen willst, so wichtig ist es, dass du weißt, was du nicht spielen willst und was du nicht zu spielen brauchst. Es gibt eine ziemliche Menge Musiker, die das nicht wissen. Das Überflüssige weglassen, das ist ein ganz wichtiges Moment des eigenen Statements. Als ich angefangen habe Klavier zu spielen, wusste ich natürlich, was ich spielen will. Aber schon vorher wusste ich definitiv, was ich auf gar keinen Fall spielen wollte. Das hilft, sich selbst treu zu bleiben und aufrichtig.

Du hast selbst Saxophon gespielt, noch bevor du mit dem Klavier anfingst. Hast du dein eigenes Saxophon im Kopf, wenn du mit einem Saxophonisten spielst?

Marc: Nein, ich hab kein Saxophon im Kopf, nur eine Bedingung: Er muss so spielen, dass etwas entsteht, was ich nicht erwartet habe, etwas, das mich überrascht. Den Test hat Jason in bewundernswürdiger Weise bestanden. Was ich vorhin über die Reife in seinem Spiel sagte, muss ich ergänzen. Es ist nichts Überflüssiges da, wenn Jason spielt. Ich habe immer das Gefühl, er ist wirklich bei sich, spielt das, was er wirklich will, sehr wahrhaftig. Das ist eine Eigenschaft, die ich auch seit dreißig Jahren an meinem Freund John Abercrombie sehr schätze. Damals hat jeder seine Gitarre aufgemotzt und Jazzrock gespielt. John hat sich Zeit genommen, er hat gespielt, was er gehört hat, nichts anderes. Damals war ich 23 oder 24. Das war für mich ein echtes Schlüsselerlebnis, eine Offenbarung. Jason hat dieselbe Eigenständigkeit. Was er nicht hört, hat er auch nicht in den Fingern, das spielt er nicht. Das ist nicht nur Reife, das geht weit darüber hinaus. Es ist ein Bekenntnis zu musikalischer Wah rhaftigkeit: Ich werfe keinen Mist auf die Bühne, ich will die Wahrheit spielen.

Jason: Das macht mich jetzt doch ein wenig verlegen.

Marc: Na ja, aber es stimmt! Was ich meine, ist Folgendes: Wenn jemand neun Millionen Noten spielt und das macht Sinn, dann ist das eine tolle Sache. Das passiert nur leider nicht allzu oft. Was mich z.B. immer an Herbie Hancock fasziniert hat: Du hörst ihm eine ganze Weile zu und denkst, er spielt nicht besonders schnell. Dann hörst du eine bestimmte Stelle und merkst auf einmal: Er spielt so schnell wie er will, wann immer er will. Aber er drängt es dir nicht auf.

Er muss es nicht immer zeigen.

Marc: Genau! Wenn du vier Leute hast, die das verstehen, dann hast du nicht vier Leute, die sich dauernd gegenseitig übertrumpfen wollen, sondern du hast vier Leute, die miteinander Musik machen wollen. Das ist schön. Wann immer Musik entsteht, die aufrichtig ist und sich richtig anfühlt, bin ich dankbar, wenn ich dabei sein darf.

Kannst du beschreiben, wann du deine musikalische Eigenständigkeit definierst, Jason, deine grundlegende Idee?

Jason: In gewisser Weise durch das, was ich gerade tue. Was Marc gerade beschrieben hat, was mit dieser Band momentan passiert, das gefällt mir wirklich gut: Auf der Bühne zu stehen, gar nicht groß nachdenken zu müssen, einfach wie selbstverständlich da zu sein. Alle sind in der Lage aufeinander zu warten da ist's einfach. Ich freue mich auf jedes Konzert. Keiner muss irgendwas "machen". Wenn ich eine Band der Jazzgeschichte nennen sollte, die mir besonders viel bedeutet, dann wäre das John Coltranes Quartett - in diesem Zusammenhang aber nicht wegen Trane als Saxophonisten, sondern wegen der Band - wegen der Energie, die du hören kannst. Vier Leute, die zusammenspielen; wer immer ein Solo spielt, die anderen folgen ihm. Darum geht es im Wesentlichen. Zuallererst musst du etwas von dir hergeben, wenn du spielst, die Anderen können es nehmen und du lässt sie teilhaben an dem, was du tust. Wenn das - in welcher Formation auch immer, sei es nun Duo, Trio, Quartett oder Big Band - für jeden in der Gruppe wirklich funktioniert, dann stimmt die Richtung, dann kann Musik entstehen. Um es mit Sergiu Cellbidache zu sagen: "Musik kann man nicht machen, Musik passiert". Und an diesem Prozess teilhaben zu dürfen, darum geht es. Darum das Publikum. Und dafür die Musiker.


JASON SEIZER

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